Die Affäre Kießling (1983/84)

In der Kießling-Affäre ging es um zwei Fragen. Erstens: War der Vier-Sterne General und stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling homosexuell? Und zweitens: gefährdet Homosexualität in der Bundeswehr die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland? Zu einem Skandal wurde die Affäre nicht durch ein Fehlverhalten Kießlings, sondern durch das unprofessionelle Vorgehen von Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU), der die Vorwürfe gegen Kießling nicht ausreichend geprüft hatte und ein vermeintliches Fehlverhalten Kießlings unter den Teppich kehren wollte. Manfred Wörner überstand die Affäre, wenn auch politisch angeschlagen, durch die Rückendeckung von Bundeskanzler Helmut Kohl. Ihren Posten räumen mußten der Staatssekretär im Verteidigungsministerium Joachim Hiehle und der Chef des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) Helmut Behrendt. Günter Kießling selbst wurde am 1. Februar 1984 voll rehabilitiert.

Auslöser für die Affäre war ein Gerücht, das im Verteidigungsministerium kursierte. General Kießling werde vom NATO-Oberbefehlshaber in Europa nicht empfangen, weil er homosexuell sei. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hörte von diesem Gerücht und nahm geheime Ermittlungen gegen Kießling auf. Das Ergebnis wurde in einem Dossier zusammengestellt und Minister Wörner übergeben. Das Dossier enthielt dabei keinen eindeutigen Hinweis auf eine Homosexualität Kießlings und stütze sich vor allem auf zweifelhafte Zeugenaussagen. So war dem Wirt einer Kölner Schwulen-Kneipe ein Foto Kießlings "bekannt vorgekommen". Und ein Angestellter dieser Kneipe sagte aus: „Der Mann kam früher öfter her, vor allem im Sommer. Günter oder Jürgen nannte er sich, jedenfalls irgendwas mit Ü, ein Wachmann von der Bundeswehr.“ War mit diesen Aussagen die Homosexualität des Generals zweifelsfrei bewiesen? Und selbst wenn - Homosexualität war in der Bundesrepublik seit 1969 nicht mehr strafbar.

Manfred Wörner kannte keine Zweifel. Er konfrontierte General Kießling in einem persönlichen Gespräch am 15. September 1983 mit den Vorwürfen und äußerte dabei die Einschätzung, daß Kießling aufgrund seiner Homosexualität erpressbar sei. Er sei deshalb als stellvertretender NATO-Oberbefehlshaber und als General der Bundeswehr nicht mehr tragbar. Günter Kießling wies die Vorwürfe entschieden zurück: er sei weder homosexuell noch erpessbar.

Im Laufe des Gesprächs einigten sich der Minister und sein General darauf, daß Kießling zum 31. März 1984 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden sollte. Der Abschied Kießlings sollte in allen Ehren mit einem großen Zapfenstreich erfolgen. Bis dahin sollte sich Kießling krank melden. Im Rückblick scheint erstaunlich, daß Kießling sich auf diese Abmachung eingelassen hat.

Drei Monate später erhielt Günter Kießling dann die Nachricht, daß seine Versetzung den Ruhestand bereits zum Ende des Jahres erfolgen sollte, und zwar nicht wie geplant mit einem großen Zapfenstreiches, sondern im Büro von Staatssekretär Joachim Hiehle. Eine Begründung für die Änderung des Verfahrens erhielt Kießling nicht.

Hatte der General bisher gehofft, seinen Ruf durch Stillhalten zu retten, sah er nun, daß der Verteidigungsminister nun offensichtlich nicht bereit war, öffentlich zu ihm zu stehen. Kießling ging deshalb in die Offensive. Er forderte den Verteidigungsminister auf, ein offizielles Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. Und sehr schnell erfuhren nun auch die Medien von der Affäre und berichteten über Hintergründe. Dabei wurde sehr schnell deutlich, wie haltlos die Vorwürfe gegen Kießling waren. Verteidigungsminister Wörner sah sich deshalb gezwungen, seinen Rücktritt anzubieten. Bundeskanzler Helmut Kohl lehnte den Rücktritt Wörners ab, bestand aber darauf, das Verfahren gegen Kießling einzustellen, und den General zu rehabilitieren und wieder einzusetzen. Günter Kießling wurde am 1. Februar 1984 rehabilitiert. Der Bundestag setzte schließlich einen Untersuchungsauschuß ein, der vor allem die Rolle des Militärischen Abschirmdienstes untersuchte. Die Untersuchung führte zur vorzeitigen Pensionierung von Staatssekretär Joachim Hiehle und zur Versetzung von MAD-Chef Helmut Behrendt.

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