Joseph Scholmer: "Arzt in Workuta"

Joseph Scholmer wurde im April 1949 in Ost-Berlin vom sowjetischen NKWD verhaftet und ein Jahr später wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Strafarbeitslager verurteilt.

Joseph Scholmer beschreibt in seinem Buch "Arzt in Workuta" (1954) seine Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen und die Zeit im sowjetischen Straflager Workuta.

Scholmer ist selbst Kommunist gewesen und hatte bereits in der Zeit des Nationalsozialismus wegen kommunistischer Untergrundtätigkeit im Gefängnis gesessen. Seit 1947 distanzierte er sich immer stärker vom System in der Sowjetischen Besatzungszone und wurde deshalb im April 1949 wegen angeblicher Spionage verhaftet. Joseph Scholmer schildert, wie er zunächst versuchte, alle Vorwürfe abzustreiten, aber schließlich resignierte und ein falsches Geständnis ablegte, weil er den dauerhaften Schlafentzug nicht aushielt. Er wurde daraufhin zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und nach Workuta deportiert.

Joseph Scholmer berichtet in seinem Buch sehr eindringlich vom Hunger unter den Gefangenen, der eisigen Kälte in der Polarregion und von der schlechten medizinischen Versorgung. Er berichtet vom täglichen Überlebenskampf, der harten Arbeit, aber auch von ganz unterschiedlichen menschlichen Schicksalen.

Da waren deutsche Soldaten und SS-Angehörige, die Kriegsverbrechen begangen hatten, zusammen mit deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten inhaftiert, die gegen Hitler gekämpft hatten. Da waren sowjetische Soldaten, die im Krieg in deutsche Gefangenschaft geraten waren, und deshalb zu 25 Jahren sowjetischer Zwangsarbeit verurteilt wurden. Da waren Balten und Ukrainer, die für ihre Unabhängigkeit gekämpft hatten, aber auch japanische Fischer, die in sowjetisches Gebiet geraten waren und alle Hoffnung auf Rückkehr in ihre Heimat aufgegeben hatten.

Besonders zu leiden hatten auch die Juden, die Anfang der 50er Jahre dem sowjetischen Antisemitismus zum Opfer fielen und etwa wegen Geständnissen in Gestapo-Gefängnissen wegen Spionage zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurden.

Die Gefangenen mussten unter sehr schweren Bedingungen in arktischer Kälte Kohle fördern und Holz schlagen. Joseph Scholmer schätzt, dass Anfang der 50er Jahre die Hälfte der sowjetischen Kohleproduktion und 80 Prozent der Holzförderung von Gefangenen geleistet wurden. Die zum Teil willkürlichen Verhaftungen und mit den hohen Strafen waren also auch ein wirtschaftlicher Faktor.

Joseph Scholmer beschreibt auch den großen Streik nach Stalins Tod 1953, der auch durch die Streiks in der DDR (17. Juni) ausgelöst wurde und nach kurzer Zeit gewaltsam niedergeschlagen wurde.

Joseph Scholmer wurde 1954 freigelassen, wohl auch um das politische Klima für die Berliner Konferenz zu verbessern.

Das Ende des Buches lässt erahnen, wie schwer es für den ehemaligen Gefangenen gewesen sein muss, sich in die (west-)deutsche Nachkriegsgesellschaft einzugliedern. 9 Jahre nach Kriegsende wollten die Menschen nicht mehr an Not und Elend erinnert werden.